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WortGottesFeiern
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Einführung
… alles andere als Selbstverständlich: Frieden 1945–2020
Ich kam neu in eine Kirchengemeinde in Radolfzell am Bodensee. Wenn man an einen neuen Ort kommt, hat zwar vieles den Zauber des Neuanfangs – doch zugleich beginnt man nicht einfach bei Null. Damit knüpfe ich an eine tiefwurzelnde Tradition an und werde vertraut mit der Geschichte vor Ort. Ich betrachte nicht von außen einen Ort, der von vielen Touristen besucht wird, sondern bin jetzt Teil davon und habe damit auch Teil an der Geschichte. Wo ich lebe, kann ich mich nicht raushalten, weil Geschichte immer auch auf unserer Gegenwart wirken muss.

Jedes Jahr begeht man hier den Tag der »Friedlichen Übergabe der Stadt« am 25. April 1945. Im Münster findet ein Gedenken statt, in dem ein weißes Bettlaken als Fahne sichtbar ist. Damals wurde dies auf dem Münsterturm sichtbar für die französischen Truppen gehisst. Ein gefährliches Unternehmen. Der Kaplan ging auf den Turm und hisste die weiße Fahne, während der Pfarrer mit einer weiteren Person unten den Zugang versperrten, falls jemand die Aktion behindern wollte. Damals sehr mutig. In der Nachbarstadt gab es Erschießungen, weil man die Stadt kampffrei übergeben wollte. Was für eine Zeit! Ich habe sie nicht erlebt. Werde aber immer wieder durch das Erzählen mit hineingenommen. Dieses Gedenken im Münster – mein erstes – haben junge Leute durch das Lesen von Tagebuchaufzeichnungen eines damals Jugendlichen für mich geprägt. Schriftwort, Gebet, gemeinsamer Gesang und Kinder und Jugendliche der Kantorei gehörten für mich außerdem dazu. Im Blick auf diese weiße Fahne, die damals als Signal auf dem Turm hing, fiel mir in diesem Kirchenraum ein Lied der Kantorei anders in meine Ohren : »Komm, lass uns jetzt die Friedensflagge hissen. Wir werden dem Krieg nicht länger tatenlos zuschaun … Komm wir ziehen in den Frieden …« – Ein Lied von Udo Lindenberg.

Es war für mich eine Gedenkfeier, in der zu spüren war, dass es alle in dieser Stadt heute betrifft und berührt, was damals war. In anderen Städten ging es anders zu als bei uns in Radolfzell. Wieviele Städte lagen in Trümmern? Wie viele Tote? Ein Weltkrieg …

Das war in unserem Gebet und dem Fürbittgebet und Gedenken ebenso zu spüren, weil noch mehr »Hinzugezogene« da waren. Menschen, die durch den Krieg ihre Heimat verloren hatten und, wie und warum auch immer, hier ankamen.

In diesem Jahr sind es 75 Jahre seit Kriegsende. Unsere Kirchen können auch da Gebets- und Gedenkräume eröffnen. Wir leben in unserer jüdisch-christlichen Tradition in einer Gedächtnis- und Erinnerungskultur, die gerade auch zu einem aufrichtigen und achtsamen Blick in die Geschichte ermutigt, um die nächsten Schritte zu wagen. Gerade weil wir als Kirche und Kirchengemeinden hineinverwoben sind in diese dunkle Geschichte Deutschlands, geschieht ein Gedenken an dieses Ende des 2. Weltkrieges nicht außerhalb unserer Kirche. Wir sind Teil davon.

An meinem jetzigen Ort höre ich von einem mutigen Handeln meiner Vorgänger und vieler anderer im Ort. Genauso gib es die katholischen Christen, die sich in dieser Zeit zum Nationalsozialismus bekannten und eine bedeutende Rolle spielten, damit das Regime auch hier »funktionieren« konnte.

Im Vertrautwerden mit der Geschichte fragte ich mich an jedem bisherigen Ort und frage ich mich heute wieder: Wie hätte ich mich verhalten? Wie verhalte ich mich heute, wenn Menschen diffamiert werden, beleidigt, bedroht? Wo stehe ich? Gedenken weist immer ins Heute und ermutigt zum Handeln.

Vielleicht gibt es ja auch in ihrer Kirche vor Ort oder in einem ökumenischen Verbund ein Zusammenstehen im Gebet und Gedenken zu dem 75-Jahre-Ende-des-2. Weltkrieges. Vielleicht gibt es auch in Ihrem Ort gelebte Traditionen oder Geschichten, die darauf warten, wiederentdeckt und gemeinsam erinnert zu werden.

Wir werden jedenfalls wieder die Fahne ausrollen, die als eine Zeitzeugin im Raum sichtbar sein wird und wirken beim gemeinsamen Innehalten und Beten.

Eine segenswillige Zeit,

Heinz Vogel

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